
Na, gehst Du wieder zum Oralorgienchor?Das scheint ein allwöchentlich wiederkehrender, nicht ganz unberechtigter Scherz meines Göttergatten zu sein, anspielend auf den Probenbesuch im Oratorienchor meiner Wahl. Er steht im Zusammenhang mit der wissenschaftlichen Fragestellung, ob sich denn die „Hohe Kunst des Gesangs“ eher über oder unter der Gürtellinie manifestiert? Die Antwort liegt wohl eindeutig bei einem „Sowohl als auch!"
Beherzt schlendert unser langjähriger Dirigent Friedrich-Adolf mit seinem Stöckchen herein, freudig registrierend, wie die Sängerinnen und Sänger in der ersten Reihe ihre Ausrüstung aufbauen. Erneut muß er den kleinen Bass Willy fragen, wo dieser denn seinen Ständer gelassen hätte…. Susi aus dem 1. Alt ist gerade dabei, den Inhalt ihrer übergroßen Handtasche auf dem Boden auszubreiten, da lugt hinter dem Klavierauszug von Anton Bruckners: "f-Moll-Messe", einer Flasche Mineralwasser und den obligatorischen Salbeipastillen auch noch anderes vielversprechendes Equipment hervor, und dem Dirigent wird schlagartig klar, warum die nette junge Dame auch an den unpassendsten Stellen immer ihr vehementes Vibrato singen muß. “Friedrich-Adolf meldet sich zu Wort: „Während sich das Orchester einstimmt, werdet Ihr schonmal schön eingesungen: Prima, meine Damen, öffnet Euch, werdet weich… Ja, da bildet sich viel Schleim, und der Schleim darf sich ruhig lösen, da flutscht es dann nachher so richtig. Dazu üben wir jetzt noch ein paar Glissandi…“
„Und das Atmen nicht vergessen…. Die Technik besagt doch: Inhalare, d.h. Einsaugen, und nicht Blasen, beim „iiiiih“ bitte kein Zähnefletschen, aua! Nichtsdestotrotz, bei Euch Männern muß noch etwas mehr Substanz zutage treten, bitte allmählich anschwellen zu einem langen „Oooh“, danke.“Um auf die parallel stattfindende instrumentale Einstimmung zurückzukommen, unsere gut bestückte Katjuscha Busemann spielt nicht nur musikalisch die erste Geige, sondern auch optisch. Einige der Sänger signalisieren mit ihren halsstarrigen Seiten-Blicken, wie gern sie jetzt an der zarten Partie der Streicher teilhaben würden. Außerdem, nichts geht über ein gutes, höchst virtuoses Vorspiel.
Zurück zum Messe-Geschehen: Die Kyrie ist bereits verklungen, doch unser Friedrich-Adolf scheint auch beim nächsten Stück nicht das erbetene Erbarmen zu zeigen: „Liebe Bässe, weniger Staccato bitte, nicht so stark punktieren, so achtet auf die Altistinnen, sie demonstrieren es Euch doch: dolce, dolce – das hier ist Romantik, meine Herren, und bei Eurem Einsatz da im Gloria, da müßt Ihr einfach noch eine Nuance tiefer einsteigen, und dann bei den Oktavsprüngen nicht aus den Fugen geraten, Ihr wißt schon, hoch tief, hoch, tief… Bitte in der Tiefe nicht nachlassen, die Altistinnen werden es Euch danken, sonst finden sie nicht in die gemeinsame Harmonie beim nachfolgenden auflösenden Akkord hinein…
Die stimmgewaltigen Zwillinge im Tenor, Max und Moritz, werden erneut, mit süffisantem Grinsen, ermahnt: „Ihr beiden Herren, zugegeben - da steht fortissimo, trotzdem müsst Ihr Eure „Adoramus te, Glorificamus te“ der liebreizenden Helena nicht pausenlos ins Ohr schreien, ich glaube, sie hat es auch so längst kapiert…“
Unser Chef scheint die Kunst der Kommentierens wirklich gelernt zu haben: „Meine Damen, wer von Euch lieferte soeben diese Con Anima Präsentation des „Et incarnatus est“, v.a. im Takt der „Ex Maria, Maria Virgine“…?“
Alle drehen sich zu Maria um, die ganz verstohlen in der hintersten Reihe vom Sopran hockt, und – mit rosigen Wangen - wahrhaftig ein Gesicht macht, als sei der heilige Geist gerade in sie eingedrungen. Hinter ihr duckt sich der Josef, unser neuer Tenor mit den goldenen Zimmermannshänden… Na, wenn das kein Credo ist! Nun, es ist durchaus niemandem entgangen, wie emsig sich Maria am Stühleaufstellen vor jeder Probe beteiligt, stets darauf bedacht, dass zwischen der 3. und 4. Stuhlreihe, wohl an der Stelle, wo gewöhnlich sie und der Josef ihre Plätze einnehmen, nicht mehr als 30 cm Abstand bleiben.Beim Sanctus angelangt, fordert der Dirigent dazu auf, die ganze Nummer jetzt noch mal im Stehen zu machen: Während die Sopranistinnen der letzten Reihe verzückt in den höchsten Tönen schwelgen, werden sie von den starken Tenören im ersten Glied von hinten her gestützt, beim hohen „aaah“ und „haah“ geht bei einigen besagtes Schwelgen alsbald in ein crescendierendes Quieken über. Einige verleihen dem finalen „Hosanna“ eine sehr persönliche Note: Der Schlussakkord der Soprane und Tenöre ertönt leicht zeitversetzt (es ist schon eine hohe Kunst, immer gleichzeitig zu kommen) in Form eines kurzen röchelnden Peaks, bevor sie mit trockener Kehle völlig verausgabt in sich zusammensacken und froh sind, dass sie sich endlich wieder setzen dürfen….
Friedrich-Adolf lässt uns wieder an seinem reichen Erfahrungsschatz teilhaben: „Liebe Sopranstimmen, wenn Ihr oben seid, v.a. die schwereren unter Euch, dann müßt Ihr Euch gut abstützen, Ihr dürft nicht absacken, sonst geht den Bässen da unten beizeiten die Luft aus, und weiter runter kommen die nicht, und dann stürzt womöglich das ganze Fundament ein.“
Die 3 Tenöre der letzten Reihe lassen – vielleicht aufgrund ihres überentwickelten Textverständnisses - bereits einen Takt vor Einsatz ihr „Benedictus, qui venit!“ vernehmen, woraufhin unser Maestro erneut entnervt äußert: „ Ihr Tenöre kommt doch stets zu früh! – konzentriert Euch und erschlafft nicht immer vorzeitig…“
"Nun gehen wir kurz zum Credo zurück, ich hätte von Euch Tenören noch mal gern die „omnipotentem“-Stelle… Und jetzt, Ihr lieben Soprane, steigt dazu und legt Euch sanft schwebend über die Tenöre. So ist’s gut…."Ob dieser Worte piepst die kleine Agnes Lämmle im 1. Sopran heute ganz sündhaft erbärmlich vor sich hin, gerade als wenig später das „Agnus Dei“ an der Reihe ist. Die Arme hat wieder einen ihrer Tage eingeschränkter Einsatzbereitschaft: Sie sieht seit vorgestern im unteren Bereich nur noch „rot“, in Anlehnung an das gewaltige Blutopfer. Es läuft zwar schon, aber eben nicht so wie sie es jetzt gern hätte, Oh, Miserere, Miserere, Miserere…
Am Ende der Probe erhebt unser Dirigent nochmals seinen beachtlichen Stock und verkündet bedeutungsvoll: „Auf zum Finale - gemeinsam steuern wir auf den Höhepunkt des ganzen Aktes zu! Folgendes sage ich speziell zu einigen Herren im Baß: Bei den langen Schlußtönen bitte nicht tremolieren, solltet Ihr auch bereits in den letzten Zügen liegen und Euch – zugegeben, diese Takte womöglich sehr in Wallung bringen. Und Josie im Alt, Du magst das offensichtlich sehr bedauern, aber da steht nunmal kein „Da Capo al Fine“…, diese Passage würde doch die Tenöre zu sehr strapazieren, Du weißt ja, wir sind diesbzgl. enorm unterbesetzt.“
„Und noch eine Anmerkung zur Schlußpassage: Immer wieder beobachte ich ein accelerierendes pulsierendes Stringendo bei einigen Herrschaften. Besser schiebt ihr nach Möglichkeit ein Ritardando, oder gar Ritenuto vor dem finalen Akkord ein; das erhöht die Spannung und den abschließenden Kunstgenuß ganz erheblich!“
Übrigens, auf der im Anschluß an die Probe stattfindenden Versammlung der Choristen, ob „Mit Glied“ oder ohne, wurde zum wiederholten Male appelliert, dass alle im Chor mit vereinten Kräften für Nachwuchs sorgen müssen.
© K.M. Cichy, 88279 Amtzell, 2009
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